Linda auf der Weinlese in Baden-Würtemberg

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Eine Kooperation von Bioland und Schrot und Korn. Hier könnte ihr lesen was ich eine Woche lang jeden Tag erlebe und hinzulerne.

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Das bin ich. Linda in Ihrem Bioladen Ökoma (Ökologische Marktwirtschaft GmbH) – dem schönsten Bioladen Düsseldorfs mit Beteiligtensystem. Gehören tut mir der Laden zwar nicht, aber ich bin mit Leib und Seele Geschäftsführerin. Mein erster Job war mit 16 in einem Bioladen in Solingen. Mit 19 folgte die Lehre als Ökolandwirt auf einem der demeter Betriebe im Windrather Tal, gefolgt vom ÖkoLandbaustudium in Witzenhausen. Mich treibt die Neugier und Fragen über Fragen in die Weinlese – einen Bereich im Landbau den ich bisher nicht kennengelernt habe. Obwohl wir natürlich auch Wein im Laden verkaufen und ich mir selbst mal gern ein Schlückchen genehmige ;)

Als Biolandwirt scheint alles so stimmig. Fruchtfolge, Stickstoffeintrag – klar. Aber wie machen das Dauerkulturen? Wie lange dauert es überhaupt bis man einen eben gepflanzten Weinstock beernten kann? Welche Schädlinge gibt es? Wie geht man mit Erosion um? Welche Maschinen gibt es im Weinbau? Wie funktioniert ein Familienbetrieb im Weinbau?

Ich bin in Südafrika geboren, habe in meiner jüngeren Vergangenheit 2 Jahre in Kapstadt gelebt und dort einige Weingüter in der Stellenbosch-Region bzw. Constantia besichtigt. Wie kann sich ein deutsches Bio-Weingut behaupten bei diesem enormen Druck von internationalem Angebot, welches durch günstige Arbeitskräfte und Sonne satt besticht?

Besonders freue ich mich auf das Ernteerlebnis. In meiner Lehrzeit hatte ich davon einige und es waren für mich immer sehr erfüllte Momente der gemeinsamen Arbeit. Als Verbraucher ohne Anschluss an einen Hof erlebt man so etwas für gewöhnlich nicht…

Ob ich der schweren Arbeit eines Winzers gewachsen bin?

Momentan regnet es viel in NRW. Die Höfe im Windrather Tal haben es schwer. Das Getreide konnte nicht vollständig geerntet werden. Die Kartoffelernte fällt schwer. Aber dennoch, In der Landwirtschaft gibt es meist verschiedene Kulturen mit verschiedenen Erntezeitpunkten und Ansprüchen, dann ist nicht gleich die ganze Ernte hin. Und im Weinbau? Was wenn es verregnet ist? Kann ich bei jedem Wetter ernten? Macht das der Boden mit? Wann weiß ich, ob ein Jahrgang gut war? Kann ich das bei den Trauben vorher schmecken?

Die Ernte ist eine Sache. Aber dann muss noch eingekellert werden und gelagert. Wie lange dauert die Reife? Besonders interessieren mich auch die Piwi Sorten. Regent haben wir auch im Laden vom Weingut Fuchs Jacobus, Steilhang! Wie entscheide ich mich für eine neue Sorte oder einen neuen Weg? Was will der Weinmarkt?

Ob ich in einer Woche alle Fragen beantworten kann? Ich hoffe auf viele spannende Beiträge und dass ich im Anschluss meinen Kunden aus eigener Erfahrung berichten und viele schöne Erinnerungen mit nach Düsseldorf nehmen kann!

Anreise:

So es geht los. Stehe ordnungsgemäß Düsseldorf Hbf zehn vor elf am Sonntag, 14.09.14 am Gleis. Der Ic 2013 hat 25 min Verspätung. Na macht nix, ist ja ausnahmsweise mal schönes Wetter. Darauf hoffe ich natürlich auch in Schnait, denn ohne gutes Wetter wird’s schwer mit der Weinlese.

Habe mir für die Bahnfahrt ein Ticket für die erste Klasse geholt, mit Zugbindung war das jetzt billiger als die 2. Klasse. Ich bin sehr froh darüber, hier ist es ruhig, und ich habe genügend Platz für meinen unverhältnismäßig schweren Koffer. Wenn ich den erwische, der den gepackt hat…

Nach diversen weiteren Verspätung, einer wunderschönen Fahrt am Rhein und an der Mosel vorbei, (Hoffentlich sind die Weinhänge der Familie Stilz nicht sooo steil wie hier), komme ich gegen 16.30 Uhr in Beutelsbach an, wo Achim auch schon am Gleis steht und mich abholt. Da wir sowieso schon im Auto sitzen, machen wir gleich eine kleine Fahrt um die Weinhänge herum. Danach geht’s nach Hause zu der Famlie Stilz, ich lerne Frau und Kinder kennen, und gleich noch einen kleinen Rundgang durch den ca 400 Jahre alten Gewölbekeller und an den Weinfässern entlang. In diesen paar Stunden habe ich praktisch einen Crashkurs bekommen in Punkto Weinanbau, Herstellung und Vermarktung. Diese ganzen Infos muss ich erstmal sacken lassen.

Im Prinzip sieht es morgen so aus, gegen 10 Uhr geht es los. Jedes Jahr kommt eine Art freiwilligen Helfertruppe für die Weinlese zusammen, bestehend aus ca 10 Leuten, Nachbarn, Familie. Achims Eltern sind normalerweise auch dabei, diesmal aber im Urlaub in Frankreich. Achims Frau Anne unterrichtet an der Schule, und für die Kinder fängt morgen nach den Sommerferien auch die Schule wieder an.

Dieses Jahr ist alles etwas früher. So auch der Beginn der Weinlese. Es wird wohl alles etwas aufwendiger als sonst. Wetterbedingt sind viele Trauben geplatzt. Dadurch sind an einigen Trauben faule Beeren, die gilt es morgen auszusortieren, d.h. mit der Schere wegzuschneiden. Also alles reine Handarbeit. Wir beginnen morgen mit einer frühreifen Sorte, der roten Traube Regent. Auch eine Piwi Sorte, eine Pilzwiederstandsfähige Sorte. Nicht resistent, aber sehr widerstandsfähig  gegen eines der Probleme im Weinbau, Mehltau. Das ist ein Pilz. Da gibt es echten und falschen. Aber das führt jetzt echt zu weit.

Zusätzlich zu dem geplatzten Trauben Problem kommt die gemeine Kirschessigfliege. Drosophila suzuki. Eine aus dem asiatischen Raum eingeschleppte Fruchtfliege. Die deutsche Variante in Asien heißt dann wohl Bmw. Mit Drosophilas stehe ich seit meiner Abitur Klausur persönlich auf Kriegsfuß! Und nun bedroht eben diese hier auch noch die Ernte. Die geplatzten Früchte geben einen Duft ab, der die Fliegen anlockt. Anders als hier die Fruchtfliegen, ist diese Spezies in der Lage mit ihrem Rüssel auch gesunde Beeren anzustechen. Das multipliziert natürlich das Problem der dann wieder faulwerdenden Trauben. Aber Achim sieht alles sehr differenziert und macht keine große Panik wie es in der Presse z.B. zu lesen ist. Wir fangen morgen erstmal an, und dann schaun wir mal. Der Regent hat auch in der Vergangenheit schon mal Probleme gemacht, und speziell auf dieser Parzelle, die wir morgen als erstes beernten. Über das Suzuki Fliegen Thema gibt es noch zu wenig Wissen. Wie also immer im Leben, es wäre einfach alles auf eine Sache zu schieben. Zack Problem erkannt, Gefahr gebannt. Aber es ist eben alles etwas komplizierter und vielschichtiger. Und vor allen Dingen können sich Probleme auch verlagern. Wenn man z.B. Kalk ausbringt gegen spezielle Krankheiten könnte dies wiederum negative Folgen bei der Gärung des Weins haben. Ich habe heute demnach gelernt, es ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, viel Beobachten und Erfahrung.

blick aus meinem fensterBlick aus meinem Fenster in Schnait auf die Weinberge

Do, 18.09.14 Vom schönen Wetter wach geküsst, starte ich in den letzten Lesetag der Woche, denn heute ab heute Abend ist Regen angesagt… Wir nehmen es gelassen, denn weil die Nacht der Keller in unmittelbare Nähe gerückt ist, wäre es auch schwierig geworden, sich morgen noch den ganzen Tag im Weinberg aufzuhalten. Stattdessen stehen zur Abwechslung Vorbereitungen für das öffentlichkeitswirksame Ereignis auf dem Programm. Spätestens am Montag – wenn das Wetter mitspielt, ist dann aber wieder Lese angesagt – dann allerdings ohne mich. Ich befinde mich dann schon wieder in meinem Bio-Lädchen und darf abends bei einem Glas Johanniter in Erinnerungen schwelgen. Der Johanniter Weißwein ist ebenfalls eine Piwi Sorte. Er begeistert durch seine frische und fruchtige Art gerade auch Rieslingfreunde, zu dessen Kreis auch ich mich zählen darf. ; )

Mit unserer weiterhin starken Sammlertruppe von heute haben wir begonnen die weißen Sorten Helios und Johanniter zu ernten. Auch der kleine Nachbarsjunge Simon ist diesmal mit dabei und erntet die schönsten und dicksten Trauben! Dann ist wieder Zeit für die Vesper und so langsam haben wir uns dabei auch durch alle Weine durchprobiert, und die Liste wem ich welchen Wein mitbringen möchte, wird lang und länger… Wenn wir dann voll gegessen den Vorschlag machen, noch ein wenig in der Sonne zu verweilen, sagt Achim: „ach das Hängerle mit dene Liegestühle henn i glatt vergesse!“ Ach was solls, dann gehen wir halt wieder lesen…

 

Am Nachmittag fährt Achim einige Trauben zu einem befreundeten Naturland Betrieb, dem Schlossgut Hohenbeilstein. So teilt er seine Ernte auf: Was er nicht selbst keltern, abfüllen und ab Hof verkaufen kann, verkauft er an den Nachbarn. Heute fahren wir nach der Lese ins 40 km entfernte Hohenbeilstein. Woher wissen wir wie viele Trauben im Hänger geladen sind? Klar, kurz noch beim Beutelsbacher vorbei, da gibt es eine große Autowaage. Auch hier sind alle emsig dabei. Es wird Streuobst aus der ganzen Gegend angeliefert. Alles scheinen auf den Straßen – haben Trauben, Äpfel oder Kürbisse geladen. Die Hänge und Felder scheinen im Überfluss voll mit reifem Obst. Auch Achim hat Streuobsthänge und verkauft Apfelsaft und Traubensaft. Ein Hochgenuss! Auf dem Weg zum Schlossgut passieren wir einen Kreisel, auf dem vor dem Hintergrund der Weinhänge eine riesige Bananenstaude wächst. Langsam verstehe auch ich: Die hier können wirklich alles – außer Hochdeutsch!

Vor Ort an dieser wundervollen Anlage angekommen schütten wir unsere 1.080 kg geernteten Tauben wieder in die Trennmaschine, hier eben etwas größer als daheim. Die Trauben landen direkt im Keller, auch etwas größer als daheim. Vater und Tochter kontrollieren den Oexle Grad, knapp 80. Das ist gut.

Zufrieden mit dem heutigen Tag fahren wir wieder Heim und halten kurz an einem schönen Aussichtspunkt. Ich werde viele schöne Erinnerungen mit nach Düsseldorf nehmen: das herzliche Aufgenommenwerden in die Familie, die gemeinsame Arbeit im Weinberg und die schönen Bilder dieser Gegend…

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Abschied

Der letzte Tag meines Hagenbüchle Aufenthaltes hat begonnen. Der Keller wird hergerichtet für Nacht der Keller. Später am Abend ziehe auch ich noch los und schaue mir die umliegenden Ortschaften an. Morgen früh ist Abreise angesagt. Das Wochenende werde ich noch in Stuttgart verbringen, wenn ich schon mal hier unten bin steht Sightseeing auf dem Programm, bevor es wieder zurück geht nach Norddeutschland….

Wein habe ich auch mitgenommen. In erster Linie für die Mitarbeiter der Ökoma, die so tapfer die Stellung gehalten haben in meiner Abwesenheit. Ich dachte da an den Cabernet Blanc, der gefällt mir zumindest sehr gut.

Am Samstag ist es dann soweit, Abschied von dem mir so lieb gewonnenen Ort. Ich möchte mich bedanken für dieses außergewöhnliche Erlebniswoche. Ich habe viel gelernt und viel gesehen. Anne und Achim waren großartige Gastgeber. Danke dafür! Wenn es sich einrichten lässt, bin ich vielleicht sogar nächstes Jahr wieder dabei.

Herzlichst, Eure Linda

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